"[...] Ich konnte mich nicht mehr halten. Ich klinge furchtbar melodramatisch, ich weiß, und obwohl das Wort so schön klingt, hasse ich das, was es beschreibt. Melodramatik. Schrecklich. Und deshalb entschuldige ich mich jetzt schon mal dafür, dass du dir das anhören musst. Ich wünschte, dieser Brief wäre an mich selbst adressiert, denn dann müsstest du mich nicht hassen, dann könnte ich das weiterhin übernehmen. Ich will nicht, dass du mich hasst. Würde es aber verstehen. 
Aber um zum Punkt zurückzukommen: Ich konnte mich nicht mehr halten. Wie gesagt. Ich habe die Situation gestern gezeichnet. Vielleicht lege ich dir das Bild hier hinzu, aber falls ich mich anders entscheide, beschreibe ich es kurz. Ich hänge an einer Leiter, an der ein Schild mit der Aufschrift "Dein eigener Weg" hängt. Ich versuche die Leiter hinaufzuklettern, will meinen "eigenen Weg" gehen. An der Leiter vorbei gehst du. Nein, nicht nur du, auch alle anderen. Alle in die gleiche Richtung. "Richtung Tod" besagt das Schild an der Seite. Ihr geht nicht auf direktem Wege dorthin, es gibt Kreuzungen, an denen ihr wartet oder abbiegt, Bänke, auf denen ihr Pausen macht, Wälder, in denen ihr euch verlauft. Aber letzten Endes landet ihr alle auf der besagten Straße. Ihr alle strömt in dieselbe Richtung und ich hänge an meiner Leiter. 
So die Ausgangssituation. So sieht das Bild aus. Und was jetzt passiert ist, ist folgendes: Ich wurde mitgerissen. Ich konnte mich nicht mehr halten. Die Menschenmassen haben mich mitgezogen, ich laufe jetzt also mit in eure Richtung. Und zur Zeit bin ich zu schwach, um umzukehren. 
Du weißt, dass ich nicht zeichnen kann. Aber ich brauchte das, um zu verstehen, was passiert ist. Ich trau mich nämlich nicht mehr zu schreiben. Ich schreibe gar nicht mehr. Dieser Brief ist das erste Geschriebene seit Wochen. 
Warum ich nicht mehr schreibe? Wahrscheinlich aus Angst. Weil Texte meine Gefühle und Gedanken visualisieren. Sie werden dunkler und lauter und ich kann mich nicht mehr vor ihnen verstecken. Dabei verbringe ich meine gesamte Zeit damit, mit ihnen verstecken zu spielen.
Aber eins kann ich dir sagen: Zeichnen ist genauso schlimm. 
Sie haben mich gefunden, haben das Spiel gewonnen. [...]"

Kommentare:

  1. Halt dich an mir, bitte hör nicht auf, bitte
    Wir schaffen das zusammen, unsere Seifenblase, die uns umhüllt
    Bleib hier

    Solch schöne Menschen wie du sollten die Welt regieren

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Man is least himself when he talks in his own person. Give him a mask, and he will tell you the truth.